Lekker Stuttgart


Unsere Stadt schmückt sich gern mit internationalem Flair. Da geht immer noch was. Wer noch nicht mitbekommen hat, dass es hier weltoffen zugeht, und zwar von der City bis in die Außenbezirke, besuche einmal den Degerlocher Wochenmarkt und höre, wie Eltern ihre quengelnden Sprösslinge in praktisch allen EU-Sprachen sowie US-Amerikanisch unterschiedlichster Provenienzen zum Durchhalten mahnen. Und drüben auf dem Killesberg wird seit einer Weile „nederlands geprat“, jedenfalls ein bisschen, wenigstens einmal im Jahr. Das gute alte Lichterfest im Höhenpark, das uns ja auch schon einmal (in den alten, unnennbaren Tagen der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 1993 seligen Angedenkens) chinesisch kam, darf sich seit dem Jahr 2011 bekanntlich mit dem Titel „Lekker Lichterfest“ schmücken, seinem energetisch geladenen Sponsor mit Hauptsitz in den Niederlanden sei Dank.

Einerseits tut sich damit jeder von Nordwesten in den mittleren Neckarraum Eingewanderte schwer, dem wohlmeinende Eingeborene unter Androhung von Körperstrafen den miteingewanderten Ausdruck „lecker“ (anstelle von – hm, wie sagt man hier? – „schon recht“?) abzugewöhnen versucht haben. Andererseits passt die holländische Anmutung ganz gut, da Stuttgart praktisch jedes Jahr Mitte Juli von Gewitterstürmen und einigen Tagen feuchter Kälte heimgesucht wird, die dem Kesselbewohner regelmäßig den teuren Ausflug an die Nordseeküste ersparen.

Um das internationale Flair perfekt zu machen, hat die Veranstaltungs-GmbH In Stuttgart sich ein weiteres Glanzlicht – Verzeihung – Highlight ausgedacht: Erstmals wird zum Lichterfest, wie dieser Tage angekündigt, die „Lekker Lichterfee“ gesucht – pardon – gecastet, junge Damen, Mindestalter 18, sind aufgefordert, sich zu bewerben. Voraussetzung ist, dass sie gern mit Menschen umgehen und dass sie begründen können, warum sie sich für geeignet halten, die ehrenvolle Aufgabe wahrzunehmen. Wie sie aussehen sollen, verschweigt des Eventmanagers Höflichkeit. Vermutlich ist das auch nicht so wichtig, denn das von einer Jury ausgewiesener Beauty­experten (die Chefin der Wirtschaftsförderung, der Chef der Stuttgarter CDU und der Chef von In Stuttgart) schließlich auserkorene neue „Gesicht“ des Lichterfests bekommt tatsächlich ein neues Gesicht: ein „professionelles Fotoshooting, Styling und Frisur inklusive“.

Damit ist gesichert, dass am Ende als „Lekker Lichterfee“ – die unterdessen vor unserem inneren Auge als eine Mischung von heiliger Luzia, Prinzessin Lillifee und Geschäftsführer der Elektroinnung Stuttgart hin und her schwebt – etwas herauskommt, was unsere Nachbarn an Maas und Schelde als „lekker meisje“ bezeichnen. Womit keineswegs schmackhafte Höhlenbrüter gemeint sind.

Advertisements

Über kulturpflanze

Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
Dieser Beitrag wurde unter Mensch und Tier, Wirtschaft abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s