Überschätzte Orte: Flughafen


Ob über den Wolken die Freiheit tatsächlich grenzenlos sei, darf man bezweifeln, die einen (Reinhard Mey) sagen so, die anderen (Fluglotsen) sagen so. Wie es sich aber unter den Wolken, am Flughafen, mit Freiheit und Entgrenzung verhält, ist dagegen klar wie Kloßbrühe: Ganz erbärmlich verhält es sich damit.

Was im deutschen (Reinhard Mey, siehe oben) und im internationalen Liedgut so schöne Früchte gezeitigt hat – erinnert sei nur an „Aeroplane“ des verewigten Robert Palmer oder an „Airport“ von The Motors -, ist in der Realität unserer Tage ein Ort der Bevormundung, der Demütigung und des Fußgeruchs. Von wegen melancholische Vielreisende mit Designerkoffern, von wegen sehnsüchtig sich nach einander verzehrende und endlich wieder vereinte Liebende, von wegen große Welt und der Duft von Freiheit und Abenteuer! Stattdessen Schlangestehen, Langeweile, ganz kleines Karo.

Tja, mag mancher einwenden, Fliegen ist eben schon seit einer ganzen Weile nicht mehr das exklusive Fortbewegungsmittel der Reichen, Schönen und Wichtigen, sondern etwas Alltägliches, Allgemeines wie . . . ja, wie Busfahren. Wer so etwas behauptet, ist noch nie Bus gefahren. Bei welchem Bus muss man zwei Stunden vor planmäßiger Abfahrt an der Haltestelle sein? Bei welchem Bus muss man vor dem Einsteigen die Getränke wegschmeißen und den Gürtel aus dem Hosenbund ziehen? Bei welchem Bus heißt es, „die Abfahrt verzögert sich um dreißig Minuten, weil der Fahrer soeben erst eingetroffen ist“?

Oh nein, der Flughafen ist die Ort gewordene leere Versprechung. Du willst abheben, die Flatter machen, losdüsen, up, up and away, der Sonne entgegen, und in Wahrheit pressen dich finstere Mächte in eine Sorte autoritärer Kollektivierung, die der Bewohner der westlichen Welt sich nirgends sonst gefallen ließe, und das alles in miefigen Gängen und piefigen Kabausen. Du rangelst mit gewaltbereiten Distanzunterschreitern um Vorteile am Baggage-drop-off-Counter, du lässt dich von Leuten in geschmacklosen Fantasieuniformen belehren, abwimmeln, in die Irre schicken und betatschen, und du sollst allenthalben 5,50 Euro für ein mit zweifelhaften Waren belegtes Brötchen zahlen.

Die jüngste Gemeinheit ist der Check-in-Automat. So erreichst du das Vorfeld, erniedrigt und beleidigt.

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Über kulturpflanze

Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
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Eine Antwort zu Überschätzte Orte: Flughafen

  1. Solminore schreibt:

    Ich möchte Ihnen für die Wortschöpfung des Distanzunterschreiters herzlich gratulieren!

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