Der offene Kapitalismus und seine neuen Feinde


Ein Gespenst geht um, nicht nur in Europa. Es ist das Gespenst der Kapitalismuskritik. Und es sieht nicht mehr aus wie die üblichen Verdächtigen (DGB-Vorsitzende, Linksparteichefs, Befreiungstheologen), sondern so wie die Leute, die ihr bisheriges Leben oder große Teile davon damit zugebracht haben, genau das zu propagieren, was die Welt, wie wir sie kennen, in Brand gesteckt hat: die Allmacht der Märkte.

Hierzulande ist es der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der soeben wieder einmal erfolgreich versucht, sich an die Spitze einer deutungshoheitlichen Bewegung zu setzen. Er, bis dato linker Parteigängerschaft wenig verdächtig, diagnostiziert die „Selbstbewusstseinkrise des politischen Konservatismus“ nach  einem „Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie“.

Schirrmacher hat sich das mitnichten ausgedacht, sondern sich unter dem Eindruck einer Woche mit Bildern abgefackelter und geplünderter Wohn- und Geschäftsstraßen in England auf einen Artikel besonnen (und dann sehr, sehr ausführlich daraus zitiert), der bereits am 22. Juli, also vor den UK-Riots, in der Online-Ausgabe des britischen Daily Telegraph zu lesen war. Dessen konservativer Kolumnist Charles Moore überschreibt seinen Beitrag „I’m starting to think that the Left might actually be right“ . Das Bekenntnis, er glaube allmählich, die Linke könnte Recht haben, ist kein rhetorisches, jedenfalls auf weite Strecken nicht.

So, wie Schirrmacher auf Moores Spuren – und später auf denen des sommerlichen Merkel-Kritikers Erwin Teufel – der  in der Krise  hilflos agierenden Bundesregierung, dem in dieser Angelegenheit stummen Bundespräsidenten sowie der ideell ausgehöhlten CDU die Leviten liest, so geht Moore all das durch, was der britische Konservatismus bisher für große Verdienste seines politischen Handelns hielt bzw. verkauft hat; kein Zufall, dass der Beitrag mit einem Porträt der unvergessenen „eisernen Lady“ Thatcher aufgemacht ist, zu deren größten Bewunderern man Moore getrost zählen darf: die Zerschlagung der mächtigen Gewerkschaften in den Achtzigern, der parallele Aufstieg der Murdoch-Presse, das Gefallen, das rechte Politiker (zu denen er New-Labour-halber auch Blair und Brown zählt) am  herzlichen Einverständnis mit dieser Rechtspresse fanden, die Verachtung jeder Form von wohlfahrtsstaatlicher Solidarität, die  Durchsetzung der neoliberalen Vorstellung, Egoismus sei irgendwie gut fürs Allgemeinwohl, die scheinbar „billigen“ Kredite für jedermann, kurz, den ganzen Mist, der uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt stehen.

Moore beschäftigt sich zudem mit dem Irrsinn der Republikaner in den USA, die lieber das Land an die Wand fahren, als dem amtierenden Präsidenten Steuererhöhungen zuzugestehen, und mit der Machtfülle der europäischen Währungshüter, deren Maßnahmen von demokratisch gewählten Regierungen nur noch abgenickt werden könnten: Arbeiter „in Porto and Piraeus and Punchestown and Poggibonsi“, alliteriert Moore, verlören ihre Jobs, damit Banker in Frankfurt und Bürokraten in Brüssel ruhig schlafen könnten. Vor allem beschreibt er zutreffend die  Rolle und das  Verhalten der Banken in der Finanzmarktkrise auf ihrem „globalen Abenteuerspielplatz“: Diese nähmen „unser“ Geld, verlören es und profitierten dann von Regierungshilfen. „Unsere“ Rolle sei es nur noch zu zahlen.

Moore schließt seine Philippika mit einem Blick auf den Arabischen Frühling und der trübseligen Vermutung, wir (gemeint ist ,der freie Westen’) könnten diesen längst nicht mehr so selbstbewusst begrüßen wie den Fall des eisernen Vorhangs vor zwei Jahrzehnten, denn: „Wir sind erledigt – tatsächlich und moralisch.“

Das allerdings ist nicht Moores letztes Wort, ebenso wenig, wie Schirrmacher es gut sein lässt mit der Beschimpfung derer, die nicht erkannt haben, wohin ihr vorgeblich konservatives, in Wahrheit marktradikales Handeln führen würde. Beide formulieren die Hoffnung, „der Konservatismus“ (dessen in Rede stehende Ausprägung wir jetzt endlich mal dahin tun, wohin er gehört, in Anführungsstriche nämlich) sei doch noch nicht erledigt. „Die Rechte“ müsse nur endlich die Analyse „der Linken“ zur Kenntnis nehmen, müsse also vielleicht nur endlich mal ihren Marx lesen, dann sei Rettung möglich,  nach dem Schulhof-Motto „Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zu Besserung“.

Aber so einfach wird das nicht gehen. Es wird nicht reichen, dass, wie Schirrmacher vorschlägt, die CDU „ihre an die Finanzmärkte ausgeliehenen immateriellen Werte, ihre Vorstellung vom Individuum und vom Glück des Einzelnen“ endlich zurückfordert. Das konservative Selbstbewusstsein muss nicht nur einsehen, dass die Propagandisten ökonomischer Entfesselung sich in einer Art Bedeutungsraub ein paar Schlüsselbegriffe wie „Freiheit“, „Selbstverantwortung“, „Globalisierung“, ja, auch „Marktwirtschaft“ und „Bürgertum“ unter den Nagel gerissen haben, um sie für ihre eigenen Zwecke umzudefinieren.

Wenn man tatsächlich die Augen aufmachen will, muss man sie weit genug öffnen, um erkennen zu können, dass es sich bei der andauernden Krise um einen handfesten und großangelegten Betrug an den Bürgern handelt. Dieser Betrug erstreckt sich ja nicht nur auf Neusprech-Zusagen wie, man könne, statt selbst zu arbeiten, sein Geld „für sich arbeiten lassen“, Konsumismus sei Zukunftssicherung oder Bankgeschäfte würden von ehrbaren Kaufleuten gemacht.
Der Betrug führt vielmehr dazu, jedes Vertrauen in die Möglichkeiten von (demokratischer) Teilhabe zu zerstören. All die bezwingenden Versprechen, die freiheitliche Gesellschaftsordnungen für den vorgeblich mündigen Bürger bereithalten, ob sie nun „Chancengleichheit“ heißen oder „das Recht auf Streben nach Glück“, sind obsolet, wenn die Früchte seiner Arbeit nicht mehr ihm selbst und dem Gemeinwesen zugutekommen, sondern am Ende bei denen landen, die an der Spekulation und ihren Folgen verdienen, wenn Jugendzentren geschlossen und ein paar Kilometer daneben fette Boni begossen werden, wenn Rentnern, die sich nie etwas haben zu schulden kommen lassen, das staatliche Altersgeld gekürzt wird, während die Experten für unanständige Finanzinstrumente ihre Schäfchen längst in Steuerparadiesen ins Trockne gebracht haben.

Diesen Betrug lassen sich die Bürger nicht mehr überall gefallen. Noch sind es hauptsächlich die Jungen: Manche erkennen, dass es ihre Zukunftsaussichten sind, die in die Konkursmasse der kapitalistischen Wirtschaftsunordnung geraten, manche sehen lediglich, dass sie sich das Smartphone oder die Sneakers nicht leisten können, von denen ihnen doch allenthalben gesagt wird, dass sie ein Anrecht darauf hätten. Manche demonstrieren friedlich, manche legen Brände.
Das alles ist keineswegs plötzlich und aus heiterem Himmel über uns gekommen. Die Kritik ist bekannt, sie ist mindestens so alt wie die Bilder brennender Barrikaden. Neu ist die Ecke, aus der sie kommt, die Ecke von Moore und Schirrmacher; bei manchen fällt der Groschen eben etwas später.

Neu ist aber auch, wie der Unmut, die Angst und die Bereitschaft zum Protest sich verbreitert haben. Es wird Zeit, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Globalisierungsgegner, die bei G-8-Gipfeln Steine schmeißen, die chancenlosen Jugendlichen, die in französischen Vorstädten randalieren, die arbeitslosen Akademiker auf der Puerta del Sol, die Mütter, die zum Tahrir-Platz geströmt sind, weil das Brot für ihre Kinder unerschwinglich wird, die zweihunderttausend Israelis, die dagegen auf die Straße gehen, dass sie sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten können, die generalstreikenden Griechen und die Chilenen, die nicht mehr einsehen, dass nur die Reichen Bildungschancen haben sollen, bei aller Unterschiedlichkeit der Motive und Protestformen eines eint: das Gefühl, dass wenige sich das nehmen, wofür viele gearbeitet haben.

Das ist gefährlicher für die Weltgemeinschaft als ethnische Unruhen oder der modernisierte Terrorismus. Denn dieses Gefühl, betrogen zu werden, ohne dass gewählte Regierungen oder internationale Institutionen etwas dagegen unternehmen können oder wollen, untergräbt auf die Dauer jedes Vertrauen in Marktwirtschaft, Freiheit, Gerechtigkeit und all die anderen Werte, mit denen die Demokratien westlichen Musters sich den Totalitarismen überlegen glauben. Dies alles könnte nicht nur, sondern sollte wohl Anlass sein, das seit zwei Jahrzehnten laufende Freilandexperiment des uneingeschränkten globalen Kapitalismus für gescheitert zu erklären und zu beenden.

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3 Antworten zu Der offene Kapitalismus und seine neuen Feinde

  1. genova68 schreibt:

    „Dies alles könnte nicht nur, sondern sollte wohl Anlass sein, das seit zwei Jahrzehnten laufende Freilandexperiment des uneingeschränkten globalen Kapitalismus für gescheitert zu erklären und zu beenden.“

    Nette Erkenntnis, aber genau hier fängt eine notwendige Analyse erst an. DASS sich das Kapital in seiner Akkumulationslogik weder von Schirrmacher noch von einer Redakteurin der Stuttgarter Zeitung aufhalten lässt, ist wohl klar. Es gälte,die Strukturen zu untersuchen, und da kommen wir an Marx nicht vorbei. Solange der Unwille zur ernsthaften Analyse obsiegt, braucht sich das Kapital keine Sorgen zu machen.

    • kulturpflanze schreibt:

      Ich fürchte, das Kapital muss sich auch keine größeren Sorgen machen, wenn die ernsthafte Analyse vorliegt. Die liegt ja vor. Es interessiert aber keinen. Deshalb wollte ich mal ein bisschen rumpöbeln.

  2. genova68 schreibt:

    Bisschen rumpöbeln ist immer gut. 🙂

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