Auch ein Kindheitsland, jenseits der Mauer


In der DDR leben wollten wir gewiss nicht. Aber erlebt haben wir, die Kinder des Westbesuchs, eine ganze Menge, „drüben“.

(Ein Beitrag der Kulturpflanze zum 13. August.)

Heute laufen wir in diesen Gegenden herum wie das, was wir sind, Tagestouristen nämlich: Dresden. Das Erzgebirge. Das Elbsandsteingebirge. Die Oberlausitz. Moritzburg. Das war mal die DDR. Die Erinnerung an den Osten scheint fest in den Händen von Ostalgikern, und wer will das schon sein? Aber das Land hinter der Mauer war auch das Land, in dem wir Kinder aus dem Westen lernten, dass nichts selbstverständlich ist. Damals, als die Grenze uns vorkam, als wäre sie für immer da, wollten wir, die kleinen Babyboomer auf Familienbesuch in dem, was alle noch immer Ostzone nannten, nie im Leben Ossis werden, das ganz bestimmt nicht. Dazu war da dann doch zu viel Stacheldraht, Grenzkontrolle mit „Gännsevleisch“, Eingemauertsein und eklatanter Mangel an Wrangler-Jeans bzw. -Jeanshosen, wie die östlichen Cousins und Cousinen komisch und rührend sagten, sie, die Angehörigen eines zurückgebliebenen Volks, das auf der dunklen Seite unseres westlichen Konsummondes leben mussten.
Aber diese Gegenden, die Landschaften mit den enormen Ackerflächen und die Städte, erfüllt vom ewigen Brand- und Brenzelgeruch nach Braunkohleheizung, Kunstleder und Zweitaktergemisch, waren für uns, die wir in der Schule angestaunt wurden, als wir auf die Frage nach Verwandtschaft „drüben“ den Finger hoben, auch Orte von Kindheitssommern mit den unspektakulärsten Ferienerlebnissen, die man sich vorstellen kann: in Großvaters selbst ausgehobenem „Swimmingpool“, einem mal türkisfarbenen, mal giftgrünen viereckigen Becken neben Gemüsebeeten und Karnickelställen, Sinnbild des zähen und erfolglosen Kampfes gegen die Algen und dieses eingesperrte Leben in dem kleinen Ländchen; weg von da war er zuletzt gewesen, um an der Ostfront einen Granatsplitter abzukriegen, was eine Narbe am Bein und Verunstaltungen im Geschichtsgefühl hinterlassen hatte. Davon wussten wir Kinder nichts, denn darüber redeten die Erwachsenen nicht.
Stattdessen machten sie, wenn man unter sich war, Witze über die SED. Das verschaffte selbst uns allenfalls Jugendlichen die diffuse Empfindung möglicher Subversion, die natürlich Empfindung blieb und nie Tat wurde. Sie tranken dazu braune Schnäpse und Bier, von dem man Durchfall bekommen konnte, und manchmal malten sie sich aus, wie es sein würde, wenn sie alt und wir erwachsen wären und mit den Cousins und Cousinen nichts mehr zu tun haben würden, was dann ein Erfolg dieser SED-Regierung sein würde.

Unsereinen empörten solche Reden. Aber gegen die Empörung gab es Eierschecke und Omas eingeweckte Leberwurst mit Majoran und Brot und Brötchen vom HO-Bäcker, der „Edeeg“ genannt wurde, weil er offenkundig alles aus „einem Teig“ machte, und die Fischkonserven und Ananasdosen, die wir ein paar Monate vorher in unseren Paketen rübergeschickt hatten.
Die DDR hat viele Leben versaut. Aber an manche Gegenden in der DDR habe ich gedacht, als ich mit sieben oder acht zum ersten Mal behauptete, ich hätte Sehnsucht.

Advertisements

Über kulturpflanze

Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
Dieser Beitrag wurde unter Kinder, Krieg und Frieden, Mensch und Tier abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s