Google+ oder Alles ohne mich


Mitte März las ich kopfnickend einen Beitrag  im Guardian bzw. auf guardian.co.uk, Titel „The internet ist over“. Es ging um eine Beobachtung, die der Autor, Oliver Burkemann, bei SXSW11 gemacht hatte, dass nämlich die massenhafte Verbreitung und allgegenwärtige Benutzung von mobilen Endgeräten dazu führt, dass für immer mehr Leute die Grenze zwischen „dem Netz“ und „der realen Welt“ keine mehr ist und wir alle auf dem Weg zum „ubiquitous computing“ sind.

Gemeint ist damit nicht sowas Exotisches wie Cybersex unter Avataren (ab und zu fällt mir diese prickelnde Medien-Lieblingsidee der frühen Neunziger wieder ein) oder Riesengeschäfte auf Second Life, sondern die Tatsache, dass die Teilhabe an digitaler Kommunikation, an digitalem Wissen und an digitalem Spaß und Ernst nicht voraussetzt, dass man sich in Ruhe an den Schreibtisch setzt erst einmal einen Rechner hochfährt, sondern eine selbstverständliche alltägliche Verhaltensweise neben anderen ist. Immer weniger Leute finden etwas dabei, neben der Unterhaltung, die sie im Café oder sonstwo führen, kurz ihr Twitter- oder FB-Konto abzufragen oder den nicht im Raum befindlichen Freunden Followern Bekannten geschwind etwas mitzuteilen.

Ich finde das nicht besonders höflich, kann aber nicht behaupten, ich hätte so etwas noch nie gemacht. Vor allem aber dachte ich, auch angesichts einschlägiger Heldengeschichten in Buchform, die berichteten, wie einer es mal eine ganze Zeit „ohne Handy und E-Mail“ ausgehalten hat, dass das typische Große-Jungs-Probleme sind, die mit meinem Leben nichts zu tun haben. Schließlich verdiene ich meinen Lebensunterhalt mit dem Lesen von Büchern. Auf Papier. Und ich bin auch kein manischer Sammler von Facebook-Kontakten, wie manche berühmte unter den Kollegen (braucht hier jemand einen Link? Nicht im Ernst). Der Sinn von Sachen wie Foursquare und Gowalla hat sich mir ebenso wenig erschlossen, wahrscheinlich bin  ich für Postprivacy einfach zu alt.

Und jetzt kommt Google+.

Seit drei Tagen ist meine Twitter-Timeline voll davon, seit drei Tagen will ich da Mitglied werden, und seit drei Tagen klappt das nicht. Und ich weiß immer noch nicht, wie es funktioniert. Weil die offenkundig JEDEN nehmen, bloß nicht mich.

Allmählich nimmt das, was diese Erfahrung des Ausgeschlossenseins bei mir bewirkt, Formen einer Lebenskrise an. Naja, das ist vielleicht etwas übertrieben. Aber auf jeden Fall merke ich, dass mir irgendwie etwas fehlt… dass ich endlich meine Kreise bilden will… dass ich Teil von etwas sein will, das ich noch nicht einmal kenne…

Das scheint der Preis zu sein, wenn die Grenzen zwischen Netz und Wirklichkeit fallen. Nicht „the internet is over“. Sondern die Vorstellung, man verpasse nichts, wenn man nicht richtig drin sei.

Update 6. Juli: Ich bin drin. Was passiert als nächstes?

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Über kulturpflanze

Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
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5 Antworten zu Google+ oder Alles ohne mich

  1. banalesundbonbons schreibt:

    Du brauchst dafür (noch) eine Einladung. Frag jemanden, der bereits angemeldet ist, damit er dich einladen kann.

    Grüße

  2. pantoufle schreibt:

    Eine etwas ketzerische Empfehlung: Verzichte darauf! Es gibt ein (sinnvolles) Leben ausserhalb von Facebook, Twitter und Co. Ich persönlich hasse den Augenblick, wo sich mein Gegenüber mitten im Gespräch autistisch über ein IPhone oder ähnliches beugt und apprupt jede Art von Komunikation verweigert, weil irgend etwas gesummt hat. Diese Art von Apple legitimierter Unartigkeit hängt mir zum Halse heraus.
    Aber da gibt es natürlich andere Standpunkte… die ich nicht teile 🙂
    MvG
    Pantoufle

  3. Hanspeter von Binningen schreibt:

    Ich mag das auch nicht. Schrecklich finde ich auch, wenn zwei Leute zusammen ins Café gehen und dann beide telefonieren. Und ich finde es extrem unhöflich, mitten in einem Gespräch ans Telefon zu gehen, wenn man nicht gerade im Büro sitzt, wo es wichtig sein kann. Aber sonst… Das meiste ist ja doch nur Kommunikationsmüll: Ja, ich bin im Café. Nein, ich komm etwas später. Ja, das bringe ich mit. – Ich bin da schon mal aufgestanden und gegangen. Da war dann was los…

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