„Das große Dilemma des Online-Journalismus“?


Stefan Niggemeier hat mal wieder einen Stein ins Wasser geworfen, und das Echo ist nicht ausgeblieben. In seinem Blog hat er unter der Überschrift „stern.de. Anatomie einer Attrappe“ das Nachrichtenportal, das sich zur „Spitzengruppe der News-Webseites“ zählt, zerlegt seziert, Befund: lauter gepimpter Agenturkrempel, zu wenig Eigenmaterial. Er verschweigt auch nicht, woran das liegt, Stichwort schlimme Sparrunde. Der Stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen antwortetete via „Meedia“-Interview, in dem er zu allen Einzelvorhaltungen Stellung nimmt und neben allerlei anderem den – übrigens zutreffenden – Satz von sich gibt: „Wenn man sich Tageszeitungen und andere Websites anguckt, stellt man fest, dass sie mit Agenturen arbeiten, das ist trivial.“ Dieses wiederum ließ Thomas Lückerath von DWDL nicht ruhen, und er nutzte die Gelegenheit, der Print-Konkurrenz mal ordentlich einen mitzugeben, in einem Kommentar mit dem Tenor: Skandal, die benutzen Agentur, aber prima, online kommt’s raus und damit machen sie sich verzichtbar, und jetzt noch den: … bleibt uns wohl nichts anderes übrig als eine baldige Marktbereinigung zu wünschen. Auch wenn das erst einmal Arbeitsplätze kostet, letztlich aber gutem Online-Journalismus Luft zum Atmen verschaffen könnte.

Das hat mir nicht gefallen. Ich kann auch Kommentar. Bitteschön: Das Problem ist doch nicht, dass Stern.de Agentur-Material verbreitet und damit „verwechselbar“ oder sonstwas wird. Ich möchte auf einem Nachrichtenportal schon „alle“ Nachrichten, und nicht nur die selbstgeschriebenen. Was Nachrichten-Agenturen machen, ist seinem Anspruch nach seriöser, verlässlicher Qualitätsjournalismus – und daraus wählt die Redaktion im Dienst ihrer Nutzer aus, was die interessieren könnte. Ich sehe auch nicht, was an damit verbundenen Bildergalerien und Verlinkungen schlecht sein soll.

Das Problem ist, dass Stern.de insgesamt nicht genügend eigene Geschichten anbietet, um mir zu zeigen, warum ich dieses Portal und kein anderes ansteuern soll. Dieser Mangel an Profilierung bleibt nicht aus, wenn man an der Homepage spart, anstatt die Autoren-Ressourcen, die das Print-Produkt hat, auch dort einzusetzen.

Dass Niggemeiers Befund aber von Lückerath zum Anlass genommen wird, um alles, was die Redaktionen (die sind das nämlich, und nicht die Verleger; denen fällt eh nichts mehr ein) von Print-Verlagen online anzubieten versuchen, wieder einmal undifferenziert als „das große Dilemma des Online-Journalismus“ in den Senkel zu stellen, finde ich echt gedankenarm ärgerlich. Die Online-Seiten von Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen werden genau so sehr bzw. genau so wenig gebraucht wie die Vielzahl von Online-Medien-Diensten. Letztlich entscheidet sich alles daran, ob man sich Profil und Qualität leisten kann/will oder nicht.

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Über kulturpflanze

Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
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