Stand by your man oder Hinter jedem großen Mann…


Einige Dinge in der Affäre Dominique Strauss-Kahn sind völlig klar. Erstens: wenn DSK die Angestellte eines New Yorker Hotels vergewaltigt oder zu vergewaltigen versucht hat, ist er kein „Schürzenjäger“ und der Vorgang ist kein „Sex-Skandal“, sondern der IWF-Chef hat eine schwerwiegende Straftat begangen; das wird ein Gericht entscheiden. Zweitens: DSK ist schon zuvor als ein Mann aufgefallen, der seine Sexualität nicht nur ohne Rücksicht auf seine hervorgehobene gesellschaftlich-politische Stellung augelebt hat, sondern womöglich sogar unter Ausnutzung dieser Stellung. Er hat dabei auf die Selbstachtung der Frauen, mit denen er zu tun hatte, wenig Rücksicht genommen. Drittens: Er ist damit nicht allein.

Was sich aber viele fragen: Warum machen die Frauen dieser Männer das überhaupt und so lange mit? Warum folgt Anne Sinclair, die seit zwanzig Jahren mit DSK verheiratet ist, nicht nur jetzt ganz offensiv der Devise „Stand by your man“, sondern hat die ganze Zeit seine teils offenkundigen Affären toleriert (einen schönen Beitrag dazu hat Judith Thurman im New Yorker gepostet)? Warum hat Maria Shriver Schwarzenegger erst jetzt den ehemaligen Bodybuilder, Filmdarsteller und Gouverneur in den Wind schießen lassen, nachdem die Angestellte, mit der“Arnie“ schon vor zehn Jahren unter ihrem gemeinsamen Dach ein Kind gezeugt hatte, das Arrangement verlassen hat? Warum ist Jacqueline bei John F. Kennedy geblieben? Und was hat Hilary Clinton veranlasst, die Lewinski-Affäre mit all ihren lächerlichen und unappetitlichen Details an der Seite des amtierenden Präsidenten durchzustehen? Die Antwort auf die letzte Frage: Hilary Rodham aus Park Ridge, Illinois, hat zusammen mit William Clinton aus Hope, Arkansas, früh ein partikularpolitisches Projekt gestartet und durchgezogen, dessen Ziel „First Couple“ hieß – und ihr selbst nicht nur die Perspektive „First Lady“ eröffnete, sondern in ihrem Aufstieg zur Präsidentschaftskandidatin und Außenministerin des mächtigsten Landes der Erde gipfelte.

Clintons exemplarische Karriere erhellt den Raum, in dem diese Art von Mann-Frau-Beziehungen sich vollziehen. Ehen in der Macht-Sphäre sind nicht nur private, womöglich romantische Verbindungen. Sie funktionieren wie strategische Partnerschaften. Diese Frauen haben mit ihren Männern Unternehmen gegründet, von denen beide profitieren: Der Mann gewinnt an Macht, und hinter ihm steht die Frau, die ihm dabei hilft und im Gegenzug ihren eigenen Einfluss und ihr gesellschaftliches Ansehen mehrt. So lange eine Firma Profit abwirft, gibt es keinen Grund auszusteigen, auch wenn die Geschäftspartner längst keine Freunde mehr sind. Solange eine Ehe den Zugewinn an Macht garantiert und/oder der Ehefrau die Möglichkeit eigener Projekte sichert, wäre eine Trennung, und sei es die von einem Betrüger, unklug und für die Frau mindestens so schädlich wie für den Mann. Deshalb halten sie erst einmal durch, auch wenn sie gekränkt, beleidigt und gedemütigt werden, auch wenn sie wissen, dass sie sich gegen Geschlechtsgenossinnen stellen. Das moralische Scheitern des Mannes muss nicht das Eingeständnis eigenen Gescheitertseins bedeuten, aber sie haben viel zu verlieren.

Wohlgemerkt, hier ist nicht die Rede von der „intellektuellen Ehe“, wie Hannelore Schlaffer sie neuerdings beschrieben hat, in der die Partner einander nicht nur die Lizenz zu sexueller Freizügigkeit geben, sondern diese auch mehr oder weniger ausstellen, als Zeichen von Freiheit und Gleichberechtigung. Diese Frauen sagen ja nicht, es sei ihnen gleichgültig, was ihre Männer tun oder getan haben, sondern sie beglaubigen deren Legenden der Anständigkeit, indem sie öffentlich ihr unerschütterliches Zutrauen in diese Anständigkeit bekunden.

Jaqueline Kennedy, Hilary Clinton, Maria Shriver, Anne Sinclair und so viele andere sind keine Opfer, oder jedenfalls nicht nur. Sie sind selbstbewusst und selbstbestimmt, attraktiv, informiert und wohlhabend bis reich in ihre Ehen gegangen. Sie haben vermutlich allesamt gelitten, aber sie haben dies im Interesse ihres eigenen Status in Kauf genommen – wenn sie nicht, wie Shriver, spät, aber immerhin, die Reißleine ziehen. Für Jackie und Hilary ist der Return of Investment zunächst ja auch durchaus erfolgt. Die eine hat ihren Marktwert so sehr erhöht, dass der reichste Mann der Welt sie geheiratet hat, die andere – siehe oben.

Ob man dieses Macht-Kalkül als feministisches Projekt oder als moralisches und letztlich antifeministisches Versagen verstehen mag, entscheidet sich allerdings nicht nur an der Frage, inwiefern es der Frau hinter dem mächtigen Mann gelingt, ihre Rendite zu steigern. Am Ende fällen große Frauen wie Clinton oder Sinclair ihre Entscheidungen auf demselben unübersichtlichen Feld von Affekten, Einschätzungen und Bedürfnissen wie jede – nicht nur sexuell – hintergangene bürgerliche Ehefrau, die sich überlegen muss, wie viel ihr ihre Menschenwürde wert ist.

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Über kulturpflanze

Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
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