Das Einheits-Dirndl, letzter Seufzer der weiblichen Dummheit


Polemik ist mir ein Greuel. Aber es gibt noch Schlimmeres. Dazu darf die Welt nicht schweigen, und sie tut es ja auch nicht. Sie findet Dirndl-„Mode“ große Klasse.

Volksfestzeit, Zeit ästhetischer Schrecknisse. Wie immer sind sie am frühen Abend unterwegs, die jungen Dinger, trippeln bewaffnet mit Vorglüh-Gesöff in schillernden Farben durch die Stadtbahnhöfe, rotten sich kichernd zusammen, von Vorfreude auf Lärm, Körperkontakt und Alkoholmissbrauch erfüllt, aber in diesen Tagen tragen sie Anziehsachen, als ginge es zum Fasching oder zur Schlachtbank: Sie, die uns sonst mit dem Anblick freigelegten Babyspecks über Röhrenjeans erfreuen, haben plötzlich Kleidchen mit Schürzchen und Miederchen angelegt, unter denen untrainierte Beinchen in meist zu dunkel gewählten Feinstrumpfhosen hervorkommen. Die enden dann in den sonst zu besagten Röhrenhosen getragenen Ballerinas, und damit ist der irgendwie armselige Anblick komplett.

Das alles erinnert vage an Kleidersitten, mit denen in deutschsprachigen Alpenregionen einstmals kirchliche Feiertage begangen wurden und heute Touristen unterhalten werden. Und so, wie einschlägige Fernsehsendungen das schänden, was sie angeblich feiern, die Volksmusik nämlich, beleidigen die Polyesterdirndl, die sich in den letzten Jahren pesthaft über die Republik verbreitet haben, die Idee der Tracht. (Die ist allerdings – mit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert und ihrer Instrumentalisierung durch den NS – selbst schon eine problematische, aber dazu hier nichts weiter).

Was auf der Münchner Wies’n als ungebrochener Brauch der Wohlhabenden wie der Wannabes in einer Tradition bajuwarisch-großbäuerlichen Selbstbewusstseins erscheint, wurde irgendwann auch in Stuttgart aufgegriffen, als Reaktion von Damen der Gesellschaft oder was sich so dafür hält auf das diffuse Gefühl, die  Kontaktpflege im Volksfestzelt könnte noch etwas überzeugender ausfallen im passenden Outfit.

Mit diesen aus sichtbar hochwertigen Stoffen gefertigten Festkleidern, für die man schnell ein paar hundert Euro hinblättert, haben die Billigklamotten für das junge Amüsiervolk natürlich nur noch sehr wenig zu tun.  Gemeint ist mit all dem ein Ausflug in das, was unsere Zeit als weibliche Erotik der herzhafteren Art auf frühere Jahrhunderte, ins Sissi- bzw. Ludwig-Thoma-Land projiziert. Aber mit dem Verlauf der Preisskala wechselt auch die Funktion. Während die teuren Teile die Trägerin als offenherzig-appetitliches Angebot sichtbar machen, verspricht die günstige Variante das nur und lässt in Wahrheit die, die drinsteckt, in dem Massenprodukt  verschwinden.

Das Pseudo-Dirndl funktioniert, unter umgekehrtem Vorzeichen, ähnlich der Burka: als Löschzeichen, als Gewand, das männlicher Erwartung zu entsprechen sucht und die Frau als Individuum unsichtbar macht.

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Über kulturpflanze

Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
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