Die Milchmädchen vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger


„Die Verleger haben sowas von den Schuss nicht gehört“, twittert zum Beispiel Jens Best, und eigentlich wäre dem nichts hinzuzufügen.

Wenn ich nicht heute Vormittag 450 Euro für neue Sommerreifen hingeblättert hätte. 450 Euro, das sind 900 alte D-Mark – etwa 40 Prozent mehr, als ich im Jahr 2000 für einen Satz bezahlt habe. Helmut Heinen, den Präsidenten des Zeitungsverlegerverbandes BDZV, der in der laufenden Tarifrunde von den Tageszeitungs-Redakteuren (und übrigens auch von den anderen Angestellten der Zeitungsverlage) erwartet, dass sie Gehaltsabstriche von bis zu 25 Prozent hinnehmen, muss seine Reifen vermutlich nicht eigenhändig bezahlen. Und vermutlich kauft er auch seine Lebensmittel nicht selbst ein. Anders ist nicht zu erklären, dass der Mann jetzt den Leuten, die lästigerweise für ihre Arbeit immerfort Geld sehen wollen, darunter der Interviewer der Stuttgarter Zeitung, vorrechnet, sie verdienten ja heutzutage 15 Prozent mehr als im Jahr 2000. Und das für eine Mörder-Steigerung hält, auf ein Niveau, das „nicht mehr zu halten“ sei: 15 Prozent in zehn Jahren.

Dieses angesichts von Sachen wie Inflationsrate und so als Milchmädchenrechnung zu bezeichnen, schändete die ehrbare, aber leider ausgestorbene Zunft der Milchmädchen. Und dabei ist Helmut Heinen Diplom-Mathematiker.

Scherz beiseite. Die Zeitungsverlage machen laut Heinen mit Anzeigen heute 43 Prozent weniger Umsatz als vor elf Jahren. Das ist zweifellos bedauerlich für die Leute, die für ein halbes Jahrhundert als Eigentümer von Medienhäusern praktisch über die Lizenz zum Gelddrucken verfügten und jetzt von Verarmungsängsten geplagt werden, weil die Umsatzrendite seit einer Weile nur noch einstellig ist. Aber zu glauben, man löse das Problem, nicht mehr so viel mit Anzeigen – die ja nur ein Teil des Produkts Tageszeitung sind – einzunehmen, indem man die Mitarbeiter einfach sehr viel schlechter bezahle, ist das eigentliche Armutszeugnis.

Ich bin seit zwanzig Jahren Redakteurin von Beruf. Zuvor habe ich wie die meisten von uns ein Hochschulstudium abgeschlossen und ein Volontariat absolviert. Ich habe Glück gehabt und nicht Jahre, wie es heute üblich ist, mit allenfalls symbolisch bezahlten Praktika verschwenden müssen. In diesen zwanzig Jahren haben wir alle mehrere Revolutionen mitvollzogen – technische und solche des Selbstverständnisses. Die Lern- und Leistungsbereitschaft von Redakteuren spart den Verlegern mittlerweile ganze Abteilungen, die mit dem Verweis auf die technische Entwicklung abgewickelt wurden und deren Arbeit jetzt von den eierlegenden Wollmilchsäuen aka Reporters&Editors mitgemacht wird.

Die meisten Redaktionen sind eifrig dabei, sich auf den Journalismus in einem rasend schnell sich verändernden publizistischen Umfeld einzustellen, und sie tun gut daran. Viele derjenigen, die einmal Journalisten geworden sind, weil sie vorhatten, in gründlich recherchierten und möglichst seitenfüllenden Reportagen Misstände aufzudecken, sind heute bereit, aus ihren selbstgeschossenen Fotos schöne Audioslideshows zu basteln, mehrere Fassungen eines Themas für verschiedene digitale und analoge Publikationskanäle zu erstellen, vom 140-Zeichen-Tweet über die schnelle Meldung für die Homepage bis zum nach allen Storytelling-Regeln geschriebenen großen Beitrag für Print. Sie sind bereit, die Redaktionsarbeit vom frühen Morgen bis nach Mitternacht oder vielleicht sogar rund um die Uhr zu organisieren und manche kaufen das Klopapier für ihre Außenredaktion immer gleich mit ein. Und zum Berufsbild gehört nicht mehr nur, wie eh und je, der Führerschein Klasse 3 (samt eigenem PKW und der Bereitschaft, dessen Reifen im dienstlichen Einsatz abzufahren), sondern auch der Wille und die Möglichkeit, sich via (selbstredend privat finanziertem) Smartphone, Netbook und Tablet jederzeit verfügbar und auf dem Laufenden zu halten.

Und was haben sich die Zeitungsverleger, der Herr Heinen voran, in der Zwischenzeit so einfallen lassen, um ihr Geschäftsmodell zu sichern?

Sie lassen viele der eigentlichen Urheber, diejenigen, die die Texte schreiben, mit denen sie ihre Blätter rund um die Anzeigen dekorativ füllen, die freien Autoren nämlich und die angestellten eh, Verträge unterschreiben, die sie unter dem Vorwand „Leistungsschutzrecht“ praktisch enteignen. Sie haben das Reklamegeschäft Google, Facebook und Co. überlassen. Seit zehn Jahren schauen sie verwundert und verwundet zu, wie die Stellen- und Immobilienanzeigen „ins Netz abwandern“ und dort den Erfindern einschlägiger Angebote zuweilen sogar Gewinne bescheren, ohne selbst Vergleichbares über den Status schnell beerdigter Missgeburten oder halbherziger Kombi-Rabattaktionen hinauszubringen. Und jeden, der das hinbekommt, was sie hinbekommen müssten, ein überzeugendes journalistisches Angebot im Internet, verklagen sie einfach.

Und diese Leute, denen zu ihren eigenen Marken nichts einfällt, werfen den Journalistengewerkschaften lustigerweise vor, sie verweigerten Reformen.

Zur Ausstattung der Drohkulisse taugt prima das Schicksal der „Frankfurter Rundschau“ (deren Niedergang freilich kaum auf ökonomische Überausstattung der Redakteure, vielmehr auf intellektuelle Unterausstattung der wechselnden Chef- und Besitzeretagen und deren strategische Fehlentscheidungen zurückzuführen sein dürfte) und der Blick nach Amerika, wo die Zeitungsnot bekanntlich groß ist (was weniger bekannt ist, sind die nicht vergleichbaren Hintergründe dieser Not).

Dies alles, das Reden von „Qualität“, wenn man Rendite meint, und die fast schon pathologische Weigerung, zur Kenntnis zu nehmen, dass keine andere Branche auf selbst herbeigeführten Imageruin setzt, um geeigneten Nachwuchs zu binden, ist vermutlich nur Tarnung. In Wahrheit richten sich die Zeitungsverleger in diesem Land wohl darauf ein, den Weg der Milchmädchen zu gehen: nochmal ordentlich Trinkgeld kassieren und sich dann zur Ruhe setzen, um dem Molkereitankwagen nachzuschauen.

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Über kulturpflanze

Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
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5 Antworten zu Die Milchmädchen vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger

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  3. Lakritze schreibt:

    Man kommt gar nicht aus dem Nicken heraus.

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