Aus gegebenem Anlass: Schlag nach bei Grimm!


Ja, es ist schlimm, was man in den bunten Blättern über den Hoch- und Niederadel hierzulande und in aller Welt lesen muss. Schlimm das Promotionsplagiat eines bayerischen Blaublüters, schlimmer die Hüte, die man grad vor Westminster sieht. Aber die Geheimratsecken von Prinz William, die Eskapaden von Prinz Foffi, die Gleisnerei des Freiherrn KT, der Niedergang des Hauses Braunschweig, die Geschmacksverirrungen der Grimaldis, selbst die Dreistigkeit des fiktiven Grafen Bobby sind gar nichts, verglichen mit dem, was Angehörige von Fürstenhäusern sich in dem Schatzhaus erlauben, das seit zweihundert Jahren einen Lieblingsaufenthalt der Deutschen darstellt: den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Die sind bekanntlich bevölkert von Fabelwesen wie Hexen, Däumlingen, Riesen und sprechenden Tieren, vielen Armen, aber auch von vielen reichen Leuten, die sich um ihr Auskommen qua Herkommen keine Sorgen machen müssten. Die Prinzessinnen sind gern mal heikel („Die Prinzessin auf der Erbse“), narkoleptisch („Dornröschen“) und zu keiner vernünftigen Hausarbeit zu gebrauchen („Rumpelstilzchen“). Die Königinnen sind intrigant und werden zu Opfern altersuntypischer Vergnügungssucht („Aschenputtel“), wenn sie nicht gleich zu mörderischen Mitteln greifen („Schneewittchen“), die Könige zumeist ahnungslose Trottel mit einer infantilen Vorliebe für Rätselspiele und Kuppelshows à la „Bauer sucht Frau“; der Preis ist meist die eigene Tochter. Und die Prinzen respektive Königssöhne entpuppen sich als Supermachos („König Drosselbart“). Wer das liest, ist weder von den Windsors noch von den Guttenbergs zu schocken.

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Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
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