Knut und der Ernst des Lebens


Knut ist tot, und einige Leute haben jetzt ein Problem. Denn der Zeitpunkt, zu dem die Kunde vom Ableben des berühmtesten Ex-Eisbärenbabys ever die Runde macht, ist alles andere als das, was man so „nachrichtenarm“ nennt.

Wie sollen Redaktionen damit umgehen, dass zwar einerseits ein Celeb tot ist, der zuzeiten an medialer Aufmerksamkeit alles andere geschlagen hat, andererseits aber gerade jetzt in Japan und Libyen Dinge geschehen, die nicht nur schwerer wiegen als der Tod eines tierischen Kinderstars, sondern so schwer wiegen, dass jede Erwähnung in einem Zusammenhang obszön wirkt. Die Tweets und Statusmeldungen der Redaktionsblogs werden denn auch prompt entsprechend kommentiert.

Aber auch die Stadt Berlin hat es jetzt nicht leicht. Weniger ihre Bürger, die nichts dabei zu finden scheinen es für angebracht halten, mit brennenden Kerzen, Blumengebinden und Trauerplakaten am Zoologischen Garten ihre unauslöschliche Zuneigung zu „Knuddelknut“ zu bekunden, während anderswo die Leut sterben, und zwar vor laufenden Kameras. Aber was macht jetzt der Regierende Bürgermeister, der vor vier Jahren sich und seine sexy Stadt gern in Knuts Niedlichkeitsglanz gesonnt hat? Naja, er findet’s „entsetzlich“, und er ist damit nicht allein. Wenn schon Populismus, dann bis zum bitteren Ende.

Anders Sigmar Gabriel, Bundesumweltminister auf dem Höhepunkt des Knut-Hypes. Der hatte sich nicht lang geziert, die Patenschaft für den Bären zu übernehmen, ihn mit einer Sonderbriefmarke geehrt und 12.000 Euro für Knuts Verpflegung spendiert, aus Steuermitteln. Bisher hat SPD-Vorsitzende sich nicht geäußert.

Es ist leicht, sich heute über die fatalen Folgen solcher Imagedeals zwischen Boulevard und Politik lustig zu machen. Aber als sie, diese Deals, geschlossen wurden, damals, als da so ein süßer, von der Mutter verstoßener und von seinem rührenden Pfleger aufgepäppelter Bärenwelpe Sympathien aus aller Welt nach Deutschland lenkte, dürfte kaum jemand deren potentielle Nachteile gesehen haben.

Die Frage ist, ob daraus etwas zu lernen wäre. Vielleicht, dass die Begeisterung der vielen nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit einer Weisheit, die Zeitalter überdauert. Und dass es vielleicht schlau ist, den Sirenenklängen eines vermeintlich leicht zu erringenden Aufmerksamkeitsvorsprungs zu folgen, dass es sich aber irgendwann als schädlich fürs moralische Kleinklima erweisen kann.

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Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
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2 Antworten zu Knut und der Ernst des Lebens

  1. moebelexperte schreibt:

    Erschreckend finde ich wie leicht sich das „moralische Kleinklima“ (netter Begriff) immer wieder auf’s neue beeinflussen lässt. Aber das ist ja auch viel leichter als sich selbst mal ein paar Gedanken zu machen.

  2. Dora Asemwald schreibt:

    Eisbären sind nicht nur kuschelig, sie sind überschaubar. Blendet man die Tatsache, dass man andere Tiere aufs Brot schmiert aus, ist die Eisbärensorge moralisch unverfänglich aber hochemotional. Man kann sich über ihre Erscheinung freuen, über ihren Tod weinen und vielleicht auch über ihre Haltung empören.
    Das ist einfacher als sich über Risiken, Kosten und Nutzen von Energiequellen den Kopf zu zerbrechen oder zu entscheiden, ob ein Luftangriff gegen Gaddafi in Ordnung geht oder nicht. Und es lenkt ab.

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