Innehalten? Nein danke!


Mein sehr geschätzter Kollege Stefan Geiger wird morgen mit einem Aufsatz im Kulturteil der Stuttgarter Zeitung vertreten sein, der dazu auffordert, jetzt zunächst um die Toten in Japan zu trauern, anstatt die politische Diskussion um die Atomkraft zu führen. Als ob das ein Gegensatz wäre.

Dies ist die Stunde der Innehalter. Als die Bundeskanzlerin am Montag den Entschluss zum „Moratorium“ in Sachen Atom verkündete, sagte sie: „Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und die bisherige unbestrittene Sicherheit unserer kerntechnischen Anlagen zum Maßstab auch des künftigen Handelns machen, ohne dass wir infolge der jüngsten Ereignisse einmal innehalten.“ Der Satz war, wie manch anderes in Merkels Einlassungen, schwer verständlich, die Maßnahmen während dieses Innehaltens (wie man Moratorium auf Deutsch übersetzen könnte) vage – „Sicherheitsüberprüfung“, „vorbehaltlos“, „keine Tabus“ „Gespräch mit den Betreibern“ -, die Miene ernst.

Merkel hat damit die Tonlage vorgegeben, in der all diejenigen sich äußern, die als politische Verantwortungsträger und als ökonomische Profiteure daran beteiligt waren, den Ausstieg aus der Atomkraft um Jahre und Jahrzehnte hinauszuzögern. Merkel, Mappus, Westerwelle, die soignierten Herrschaften von der Atomlobby – sie alle sprechen vom Innehalten, von der Trauer, sie sprechen davon, „beeindruckt“, „erschüttert“ und „zutiefst betroffen“ zu sein, und mit dem Verweis auf all diese tiefen Gefühle und wahren Empfindungen bedeuten sie uns, der Respekt vor dem tausendfachen Leid in Japan gebiete es, jetzt auf gar keinen Fall eine politische Debatte über die deutschen Atomkraftwerke führen zu wollen.

Schon am Samstagabend, kurz nach Merkels erstem TV-Auftritt nach der Explosion des ersten Reaktors in Fukushima, waren die Pflöcke dieser Argumentation eingeschlagen worden. Von den Apologeten der schwarzgelben Atompolitik wurde die Vorgabe stillen Gedenkens flankiert von seltsam rüpeligen Beiträgen zu einer Diskussion, die sie selber doch eigentlich gar nicht führen wollten. Die Sechzigtausend, die zwischen der Villa Reitzenstein und dem Meiler in Neckarwestheim „Abschalten!“ skandiert hatten, sollten lieber Japan helfen statt zu demonstrieren, giftete die n-tv-Allzweckwaffe Heiner Bremer im Spontankommentar, das sei alles „Angstmache“. Denn ebenso, wie manche genau wissen, woran man den richtigen Respekt erkennt, wissen manche halt auch, wo die Vernunft zu Hause ist und wo der „Alarmismus“ (Bremer) wohnt. Der ZDF-Kulturredakteur Wolfgang Herles etwa durfte sich bei „Anne Will“ in der ARD darüber auslassen, dass er – im Unterschied zu denen, die jetzt überemotionalisiert den Atomausstieg forderten – ein „Kühlsystem“ für seinen Verstand habe, der ihm sage, die deutschen AKWs seien immer noch genau so sicher wie zuvor. Und auf Facebook werfen seither „Freunde“ einander vor, sie seien auf typisch deutsche Weise hysterisch.

Auf diese Weise werden diejenigen ins Eck gestellt, die jetzt leise oder laut daran erinnern, dass keines der Versprechen der Energiewirtschaft eingetroffen ist, die da lauten, Atomkraft sei sauber, sicher und billig. Der Dreiklang der Denkfiguren geht so: Erstens ist es in Japan viel schlimmer als hier, deshalb ist Protest gegen die hiesigen Verhältnisse unangebracht und pietätlos. Zweitens ist Empörung gleichbedeutend mit Hysterie. Und drittens sind die Argumente der Gegner einer Technik, die im schlimmsten Fall (der soeben – wieder einmal – eintritt) nicht mehr beherrschbar ist, prinzipiell unvernünftig, die Argumente derjenigen, die von dieser Technik ökonomisch oder politisch profitieren, per se vernünftig.

Dabei hat der zurzeit vermutlich mit Recht vielgescholtene Umweltminister Norbert Röttgen an den Philosophen Hans Jonas erinnert, der 1979 „Das Prinzip Verantwortung“ entwickelt hat. Darin lesend könnten all die „vernünftigen“ Wahrscheinlichkeitsrechner lernen, dass es bei einer Technik, deren Risiken niemand abschätzen kann, vernünftiger ist, vom schlimmsten Fall auszugehen, als der rheinischen Devise, es sei „noch immer gutgegangen“, zu folgen. Womöglich ist ja angesichts der Tatsache, dass nicht nur beim japanischen AKW-Betreiber Tepco in der Abwägung des Rechts der Bevölkerung auf Unversehrtheit gegen das eigene Recht, viel Geld zu verdienen, die Waagschale sich beim Geld gesenkt hat, Empörung doch eine angemessenere Reaktion als stilles Gedenken oder die coole Behauptung, man bewahre kühlen Kopf.

Sicherlich geschieht in diesen Tagen vieles von dem, was Wahlkampfzeiten auch immer zu Zeiten voller Ärgernisse, Übertreibungen und Geschmacklosigkeiten macht. Das gilt nicht nur für alle Lager der Politik, sondern auch für die Medien, und zwar für alte wie für neue. Aber es glaube niemand, Politiker müssten von Journalisten gezwungen werden, ihre Meinung zu sagen und damit Meinung zu machen. Was hat denn die Kanzlerin im „Krisengespräch“ am Samstagabend mit dem Außen-, dem Innen-, dem Umweltminister und dem Chef des Kanzleramts wohl besprochen? Was man jetzt tun kann? Vielleicht. Wie man es so verkauft, dass man die Landtagswahlen nicht allesamt verloren geben kann? Mit Sicherheit.

Es wird aber niemand gezwungen, das zur Kenntnis zu nehmen oder sich an den Diskussionen dieser Tage zu beteiligen. Wem all die „Brennpunkte“ des Fernsehens und Sonderseiten der Zeitungen zu viel sind, der muss ja nicht hinschauen.

Die Frage, ob die deutsche Debatte geführt wird oder nicht, und ob sie Zeichen neu erwachten politischen Bewusstseins oder demagogischer Stimmungsmache in Wahlkampfzeiten ist, dürfte das geringste Problem all der Menschen in Japan sein, die ihre Angehörigen und ihre Heimat verloren haben. Es gibt vieles, womit deutsche Politiker, deutsche Journalisten und deutsche Bürger, womit wir alle, die das Glück haben, den Schrecken nur von weitem sehen zu müssen, diesen Menschen zeigen können, dass wir mit ihnen fühlen und ihnen helfen wollen. Dazu gehört aber ganz gewiss nicht, denen auf den Leim zu kriechen, die es am liebsten hätten, wir würden es mit Trauern und Innehalten bewenden lassen.

Advertisements

Über kulturpflanze

Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
Dieser Beitrag wurde unter Drei Dinge, Verbrechen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s