Fälschung ohne Zapfenstreich


Der „Große Zapfenstreich“ ist vorbei (passender wäre ja das rituelle Ehrensäbelzerbrechen gewesen, wie man es aus den Hornblower-Romanen von C. S. Forester und aus dem Miss-Marple-Film „Mörder Ahoi“ kennt), die Kanzlerin hat gewunken, Fackelqualm und – geschmackssicher bis zum Schluss, unser Mann – „Smoke on the Water“ haben sich verzogen. Der Fälscher und seine Frau gehen „vielleicht schön essen“ (Live-Kommentar Phoenix). Aber der Schwefelduft, der bleibt.

Ich würd’s versprechen, wenn’s was helfen würde: über Karl-Theodor zu Guttenberg nichts weiter von heute an. Es hilft nichts. Man kann Wetten annehmen, von dem werden wir bald wieder hören. Dennoch wäre es jetzt vielleicht besser, einstweilen keine Gastbeiträge von Medienprofessoren und Politologen mehr einzukaufen, auch auf jeden satirischen Zwischenruf zu verzichten und das Thema einfach ruhen zu lassen.  Denn die -Stand 10. März 2011, halb acht abends – 589.000 Leute, die auf der Facebook-Seite „Wir wollen Guttenberg zurück“ den „Gefällt mir“-Button gedrückt haben, wird nichts dergleichen davon überzeugen, dass sie ihr Gefallen einem unwürdigen Objekt schenken, im Gegenteil, es wird sie weiter bestätigen in ihrer Auffassung, sie erlebten hier den Propagandaklassiker der verfolgten Unschuld. Und nichts dergleichen wird Seehofer, wird Mappus, wird irgendwann auch wieder die schmunzelnde Merkel davon abhalten, mit diesem Mythos ihre politischen und wahlkämpferischen Geschäftchen zu machen.

Im Gegenteil: diese Leute wissen jetzt, dass all die berechtigte und ausführlich und mit den treffendsten Argumenten artikulierte Empörung, dass nicht einmal ein unehrenhafter Abschied einen Popstar Politiker beschädigen kann, der es verstanden hat, sich bei der Menge und deren selbsternannten Sprachrohren beliebt zu machen. Die Fans des Fälschers sind fest entschlossen, dem Fälscher seine Fälschung bis in alle Ewigkeit abzukaufen. Jede Attacke bestätigt die Fälschung. Freilich ist das Berlusconismus. Aber der funktioniert nun einmal so, dass er sich mästet an dem, was ihn angreift.

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Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
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