„Stuttgart 21 ist Menschenfleisch“ im Literaturhaus


Heinrich Steinfest hat einen neuen Roman herausgebracht, wie sich inzwischen herumgesprochen hat (mehr dazu unter http://www.wo-die-loewen-weinen.de/). Er schimpft darin sehr schön auf mehrere Stadt- und Landespolitiker, sagt die Wahrheit über die Stadtmarkierungen von Otto Herbert Hajek und erfindet viel Richtiges über Männer, Frauen und Hunde. Hauptsächlich geht es in dem Buch um Stuttgart 21. Als er im Literaturhaus Stuttgart liest und erzählt, ist die Hütte voll, und das liegt nicht nur daran, dass Steinfest in sich das Beste von Spitzenautor und „Spielkalb“ ( (c) Hubert Spiegel) vereint. Die einen sind da, weil sie auf ein paar flotte Sprüche des Moderators Denis Scheck hoffen, die anderen, weil  vielleicht auch bei dieser Buchpremiere der Verlag anschließend ein Gläschen Wein springen lässt, die dritten, weil sie die Gelegenheit nicht verstreichen lassen wollen, anwesenden Vertretern des StZ-Kulturteils streng ins Gewissen zu reden, und die vierten, weil sie naheliegenderweise vermuten, dass es ordentlich gegen S 21 und überhaupt die da oben geht. Um es kurz zu machen: keine dieser Erwartungen wird enttäuscht. Überraschenderweise sagen die zwei auf dem Podium mehrfach Freundlichkeiten über „die Literaturchefin der Stuttgarter Zeitung“ (mich), aber das, dies betone ich jetzt in aller gebotenen Demut, ist auch bloß ein Komplott.

Wenn man Menschen und Anstecker zählen würde, hätten die Buttons deutlich die Mehrheit. Ob es womöglich damit zusammenhängt, dass in regelmäßigen Abständen das übliche Reiz-Reaktions-Schema greift, also vorn auf dem Podium einer „Fakten“ oder „Lüge“ oder „Macht“ oder „Bäume“ sagt und der Saal mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks sich mit „Hohoho“ oder „grummel grummel“ vernehmen lässt? Egal, so kann man auch mit kleinen Sachen den Kindern eine Freude machen, man kennt das von den Stuttgarter Großkundgebungen, die mittlerweile Wahlkampf- oder Verdi-Veranstaltungen doch recht ähnlich sehen. Aber das nur nebenbei.

Interessant an dem Abend ist dreierlei.  Erstens erzählt der Verleger Volker Hühn, dass dieser Krimi, der „vom Vorhaben, eine Stadt zu ermorden“ erzählt, auf Initiative und Anregung des Theiss Verlags geschrieben wurde; andere Stuttgarter Verlage Unternehmen wie etwa Breuninger scheuen solche Diskussionen eindeutigen Positionierungen bekanntlich. Zweitens muss irgendwer behauptet haben, Steinfest rufe zu Gewalt auf, weil er die Vorbereitung einer Gewalttat schildert; genau: Kriminalliteratur wirkt ähnlich verderblich wie Egoshooter-Spiele. Und drittens legt der Autor mehrfach Wert auf die Feststellung, er habe bewusst eine Schwarz-Weiß-Geschichte mit eindeutiger Haltung erzählt, weil es ihm nicht darum gegangen sei, „vom Feuilleton“ für Ausgewogenheit und Abstufungen gelobt zu werden.

Jetzt aber mal ehrlich („Hohoho“, „grummel grummel“): Ausgewogenheit als Kriterium für Kunst, das ist mir bisher noch nicht untergekommen. Wie auch immer – zum Wohl und Oben bleiben!

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Über kulturpflanze

Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
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