Guttenberg, ein tragischer Held des Medienzeitalters?


Karl-Theodor zu Guttenberg hat es für angebracht gehalten, seinen Rücktritt unter anderem so zu begründen: „Wenn allerdings – wie in den letzten Wochen geschehen – die öffentliche und mediale Betrachtung fast ausschließlich auf die Person Guttenberg und seine Dissertation statt beispielsweise auf den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten abzielt, so findet eine dramatische Verschiebung der Aufmerksamkeit zu Lasten der mir Anvertrauten statt.“ (Quelle: Zeit-online http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-03/guttenberg-wortlaut-ruecktritt) Abgesehen vom Grammatikfehler („die Person… und seine Dissertation“) zeigen sich in diesem umständlichen Satz mindestens drei Charakteristika seines bisherigen Krisenmanagements. Erstens: Mit dem Passiv ist man immer auf der sicheren Seite. Zweitens: Es gibt Schlimmeres auf der Welt. Drittens: Die Medien verstehen da was falsch, und das böswillig.

Dementsprechend bedankt er sich am Schluss auch bei der „großen Mehrheit der Bevölkerung“, die ihm bis zuletzt den Rücken gestärkt habe. Das sattsam bekannte Spiel, „die Medien“ seien gegen, „die Mehrheit der Bevölkerung“ sei für ihn gewesen, ist in diesem Zusammenhang nicht mehr wegen der Frage interessant, von welchem Medium hier welche Kampagne mit welcher Wirkung ausgegangen sei, sondern weil Guttenberg sich weiterhin zum tragischen Helden stilisiert. Eigentlich, sagt er damit, ist er derjenige, dem, wie man früher gesagt hätte, die Liebe des Volkes gehört und gebührt, und nur ein „Fehler“, der irgendwann „gemacht wurde“ , hat den fatalen Mechanismus ausgelöst, an dessen Ende jetzt der „schmerzlichste Schritt meines Lebens“ steht, der Verzicht auf die Ämter als (reinigende) Strafe. Die Zuschauer dürfen jetzt Furcht und Mitleid empfinden.

Aber Guttenberg ist kein Held, der auf klassische Weise tragisch strauchelt. Sein Scheitern ist der exemplarische Fall eines Mannes, der so vielleicht erst in der Medien-(Post-)Moderne denkbar ist, und es handelt sich nicht um eine Tragödie, sondern um eine Farce. Offenkundig ist hier einer von früher Jugend an mit einer gewinnenden Fassade, smartem Verhalten, einer Begabung für Image-Techniken (Adelsball, Love-Parade, AC/DC und Platon im Original) so gut an- und durchgekommen, dass er die Grenze zum Bloß-noch-Scheinhaften irgendwann überschritten hat und ihm der Sinn für das, was sich gehört, verkümmert ist. So findet er auch nichts dabei, seinen Betrug und auch noch die lang durchgehaltene Leugnung des Betrugs wieder und wieder mit dem Verweis auf die Toten in Afghanistan zu relativieren.

Ist es zu kühn oder zu einfach, den Typus Guttenberg für das Produkt einer Gesellschaft zu halten, in der die Zurichtung aufs Symbolische über allen anderen Orientierungen rangiert?

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Redakteursfossil bei der Stuttgarter Zeitung
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Eine Antwort zu Guttenberg, ein tragischer Held des Medienzeitalters?

  1. Dora Asemwald schreibt:

    Symbole sind einfach zu handhaben. Man kann sie auf Plakate und T-Shirts drucken, man kann sie verehren, man kann sie verteufeln. Symbole stehen für etwas. Wer mit Symbolen hantiert braucht sich nicht mit ihrer Bedeutung rumschlagen, muss nicht differenzieren. Symbole vereinfachen. Sie fassen Komplexes zusammen und verpacken es ordentlich und verhindern einen genaueren Blick auf die Details. Man kann mit ihnen um sich werfen ohne genau zu wissen, was sie bedeuten.
    Eine Gesellschaft die zunehmend komplexer wird dürstet nach einfachen Symbolen, die Orientierung und Halt geben. Man kann dann dem einen oder anderen Symbol hinterher laufen. Jedes Symbol bekommt seine Facebookgruppe, und das bestgefallene hat gewonnen. Gefällt mir oder gefällt mir nicht.

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